Selbstreflexion

Warum es so schwer ist, ein guter Mensch zu sein? Warum es so schwer ist, ein guter Mensch zu sein:

Ich bin Caro: Frau, 37 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder. Ich bin Durchschnitt.

Das ist die kurze Version. Oder: – Vorsicht, jetzt kommt ein echt langer Text…

Ich bin Caro: Tochter, Enkeltochter, Schwester, Mutter, zweier Kinder, zweier KLEIN-Kinder, Ehefrau, Schwiegertochter, Schwägerin, Tante, Patentante, Redakteurin, Freundin. Ich bin Freundin von Singles, kinderlosen Frauen, Müttern, jungen und älteren Müttern, Mütter gesunder und kranker Kinder, von Freunden meiner Eltern und von Eltern der Freunde meiner Kinder, von sozial schwachen und sozial starken, von coolen und einfachen, von Lesben und von Schwulen. Und für diese Menschen bin ich ein guter Mensch, ein durchschnittlich guter Mensch. Kein perfekter, Gott bewahre, nein, auch nicht der oder die Beste oder Zweitbeste, nein, ein durchschnittlich guter Mensch. Und dieser ist: für sie da!

Und all das bin ich nicht ein bisschen. Nein, ich bin das ganz. Denn ich bin ein guter Mensch.
Ich bin ein Bewahrer und Hüter. Ich bewahre Erinnerungen für immer in meinem Herzen auf und werde deshalb als das Elefantengedächtnis bezeichnet. Ich bewahre und pflege Freundschaften und Kontakte aus meiner Schulzeit und Dorfkindzeit, Unizeit und Arbeitszeit, Elternzeit und Kindheit. Ich bin Nostalgiker, der sich nicht trennen kann von Tagebüchern, Doityourself-Magazinen oder guten, aufwühlenden Büchern. Mit Füller handschriftlicher Kalenderpfleger in einer smarten Welt, als Social Media Online Mensch – beruflich und privat. Ich bin die Onlinerin, deren Handy nach 3h aus ist, die aber kein neues kauft, denn dann stellt sich die Frage kaufe ich den neuen „Shit“, up to date mit Schnick und Schnack oder doch das Fairhandy? Und kaufe ich es von … einem nicht erworbenen Gehalt? Denn jetzt, jetzt gerade, verdiene ich ja nichts? Ich bin finanzbewusst und dennoch voll und ganz bio, öko, fair, regional, saisonal, alternativ und gesund.
Ich bin die in der Elternzeit ehrenamtlich arbeitende, mit sich als sich vom Ehemann haushaltend Hadernde. Die nur, wenn sie erschöpft ist Taxifahrende und dann mit dem Taxifahrer sich interessiert Unterhaltende. Ich bin die, die mit Bambus-Dose in den Biomarkt gehende Frau, die den Käse nicht in Plastik packt und gleichzeitig ihr starkes, wunderbares, glückliches, anstrengendes Dreijähriges auf Augenhöhe, ohne zu Helikoptern, ohne die Erziehung meiner Eltern zu minimieren, ohne zu bestrafen, ohne andere zu werten und dennoch ohne inkonsequent seiende Mutter, die ihr schreiendes Dreijähriges ruhig, aber innerlich implodierend davon abhält, das dritte Quetschobst in den Einkaufswagen zu werfen, denn zuhause wartet der weiche Apfel und die Banane aus der Ökokiste, die zusammen sich wunderbar zu Obst quetschen lassen. Ich bin der Dorfmensch in der Großstadt, der innerlich immer schüchterne und sich Hinterfragende, in der fremden Großstadt auf andere Zugehende, der offene, lachende Mensch. Ich bin die mit sich selbst äußerlich zufrieden  und doch irgendwie Unzufriedene, die ihren Kindern den Frieden mit ihrem Körper vermitteln will.

Und warum schreibe ich das nieder? Warum schreibe ich das öffentlich, wenn doch alle genau das sind und doch eh schon kennen? Ich will online sein für den Beruf, ohne privates zu zeigen. Ich will die neue mediale Welt leben, ohne den Post- und Päckchenkosmos zu verlassen. Ich will online präsent sein, ohne mich zu profilieren. Wie will ich online sein, ohne Privates zu zeigen. Ohne Fotos zu zeigen, denn ich will schließlich unsere Familienprivatsphäre, meinen Mann und meine Kinder schützen. Also, bin ich nun online, indem ich mein absolut Innerstes nach Außen kehre.

Die Selbstreflexion wird nun zum Selbstversuch. Denn ich werde meine Gedanken nun nicht nur denken, ich werde sie aussprechen. Ich werde sie niederschreiben. Schwarz auf weiß. Und das nicht heimlich in mein kleines Tagebuch, das ich morgen wieder ignoriere und weglege, weil diese Gedanken ja doch nicht neu sind, weil, es doch allen so geht, weil es doch angesichts dieses KRASSEN 2017 auf 2016 folgende Jahr doch auch einfach nur ganz schön Durchschnitt ist. Nein, ich werde es öffentlich schreiben. Und ich werde es posten. Und dann werde ich erst merken: ICH KANN NICHT MEHR ALL DAS SEIN. Und gleichzeitig noch mehr sein wollen.
Nicht perfekt, nicht gut, nicht mal durchschnittlich gut, denn, wenn es am Ende dieser Nacht, am Aschermittwoch da draußen steht, im ganz öffentlichen und ganz sichtbaren Netz, dann erst werde ich wirklich sehen, dass ich ein Oxymoron bin, ich bin der schwarze Schimmel, ich bin ein Spagat, den es nicht gibt, den es nicht geben kann. Ein Wiederspruch. Ein es mir unmöglich machender guter, durchschnittlicher Mensch.

Ich werde heute nicht die Welt retten. Auch wenn mein Herz und Kopf schreien, ich muss, denn, wenn nicht jeder einzelne zumindest ein bisschen die Welt rettet, wie wird sie sonst gerettet? Doch es geht nicht mehr.
Denn ich habe keine Kraft und keine Zeit mehr ein durchschnittlich guter Mensch zu sein. So sehr ich es will, so sehr es in mir auch brennt oder so gerne ich es werden würde, so werde ich dennoch jetzt und für die nächste Zeit nicht:
• die aktive Feministin, die arbeitende Mutter sein
• die eigenes Einkommen verdienende Frau
• die Frau, die sportlich und gesund lebt, ohne sich von außen etwas zu diktieren lässt
• die Politische, die mit engstirnigen und ängstlichen AFD Dorfbekannten immer wieder in dieselbe zermahlende Diskussion tretende Frau
• ich bin nicht die Mutter eines dritten Kindes, das in ihrem Herzen schlummert und da raus will – danke, für dieses schöne so treffliche Bild, liebe und gute Uni-Freundin da draußen
• die Frau, die einem Waisenkind eine Heimat gibt
• die up-to-date Filmwissenschaftlerin
• die Gitarrenschülerin in Elternzeit (obwohl sie das so vorwurfsvoll hängt, diese Gitarre)
• die Kinderklamottennähende Mama
• die Musikinteressierte tanzfreudige Frau
• … und wahrscheinlich bin ich auch nicht die zurückkehrende Kollegin

denn ich kann nicht all meine Rollen sein. Nicht, wenn ich sie alle als guter Mensch machen will, und sei es auch einfach nur ein durchschnittlich guter Mensch.
Ich bin Caro: Frau, 37 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder. Ich bin Durchschnitt.

Und nun werde ich Fasten. Ich werde auch an meinen Erwartungen an mich und an mein Umfeld fasten. Und ein bisschen weniger sein, als ich es gerne sein würde. Diese Erkenntnis für mich, dass ich nicht alles gleich durchschnittlich gut sein kann, hat gut getan. Und war Voraussetzung für diesen Versuch.
Denn ich habe mir trotzdem für diese Fastenzeit ein Projekt vorgenommen, dass ich konsequent umsetzen will.
Challenge: Plastikfasten!
Darüber mehr in diesem Blog.

P.S. Die Idee zum Blog kam tatsächlich am Fastnachtswochenende – die „Selbstreflexion“ habe ich am Rosenmontag in der Nacht geschrieben. Wie passend das dieses Projekt jetzt nun mit dem 1. März beginnt. Doch da die Umsetzung tatsächlich noch ein paar Tage länger gedauert hat, wurden nun ein paar Artikel zurückdatiert.

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